gelesen: „Die Tochter der Celestina“

Nachhinein kann ich nicht mehr sagen, was mich geritten hat, dieses Buch aus dem Bücherkasten in unserer Stadt mitzunehmen. Ich lese den Text auf dem Umschlag nochmal:

„Salas Barbadillo (1581 – 1635), häßlich, sinnlich, ein Spötter, ein Hungerleider und ein Hagestolz, studierte die Rechte, doch vertauschte er bald die allwissenden Lehrbücher mit den lebenskundigeren Schelmengeschichten und amourösen Gedichten. Aus unbekannten Ursachen aus der Residenz in die Provinz verbannt, hat er als einziges Gepäck auf dieser Reise das Manuskript der „Tochter der Celestina“ in der Tasche. Wenn der Titel dieses Buches den Lebenslauf einer der vielen Töchter der Celestina versprach, wußte sich jeder Leser in Spanien augenzwinkernd ins Einvernehmen gesetzt. Das Vorbild, gleichsam die Stammutter, war mehr als 100 Jahre alt. Zu Ruhm und literarischer Ehre war die Kupplerin Celestina als die eigentliche Hauptfigur der „Komödie oder Tragikomödie von Calisto und Melibea“ gelangt, die Fernando de Rojas zwischen 1492 und 1497 verfaßt hatte. Die Tochter der Celestina, die einem ähnlichen Gewerbe nachgeht wie ihr literarisches Vorbild, wird von ihrem Schöpfer Salos Barbadillo schon vielversprechend vorgestellt: „O welch ein Weib, meine Herren…“ „

Und es fällt mir trotzdem nicht ein…

Der obige Text ist eine ganz knappe Zusammenfassung des Nachwortes von F.R.Fries zum Buch. Ihr merkt selbst, dass das Nachwort vor der letzten Rechtschreibreform entstand. Er ist aus dem Jahr 1966. Das Originalwerk „La hija de Celestina“ ist aus dem Jahr 1612 und entstammt der Feder von Alonso Jeronimo de Salas Barbadillo. Mein Büchlein von nur 88 Seiten enthält eine Übersetzung aus dem Spanischen von Egon Hartmann sowie Nachdichtungen von F.R.Fries und wurde von Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1968 gedruckt.

In unseren heutigen Welt mutet dieser Schelmenroman seltsam an. Die Geschichte ist kurz erzählt aber wortreich geschrieben. Die Übersetzung ist fabelhaft und die Sprache ist nicht schwer zu verstehen. In manchem Moment war mir beim Lesen entfallen, dass das Werk über 400 Jahre alt ist, weil ich in diesen langen Sätzen wie im Sumpf versank. Eine Kostprobe? Aber klar. Hier habt ihr eine Ansprache eines Liebestollen an einen Baum, an dem die Angebetete vorher gefesselt war:

O glücklicher Stamm, tausendmal glückseliger Baum, wurdest du doch für würdig befunden, von den schönen Armen derjenigen umfangen zu werden, die ich liebe, ohne sie zu kennen, und die ich nur kenne, um sie zu lieben. Wachse glücklich und so hoch, dass deine Äste statt den Vögeln den Sternen als Obdach dienen! Von den Wurzeln bis zur Krone stehst du unter sicherem Schutz, denn die Blitze vom Himmel werden diese nicht verwunden und die Würmer in der Erde jene nicht benagen. Stets werden dir die Gestirne Beschützer und die Gefilde Neider sein. Dein Schatten wird eine Herberge der Gesundheit sein, denn wer krank hierherkommt, um zu rasten, der wird fröhlich und völlig genesen von dannen ziehen. Von heute an wirst du den jugendfrischen Frühling der Mühe entheben, dich zu kleiden, denn der grauhaarige Winter wird es nicht wagen, dich zu entblößen. Die verliebten Vögel und Bäche werden wetteifern, dich mit anmutiger Musik zu ergötzen, die einen, indem sie die Luft, die anderen, indem sie die Steine zum Tönen bringen. […]“ (S.61)

Wunderschön, nicht wahr? Aber auch so wortreich… Ich schwanke zwischen Bewunderung für diese sprachliche Gewandtheit und Staunen über dieses Unvermögen sich kurz zu fassen. Aber was sage ich da? Das ist mein längster Post seit Monaten und ich bin noch nicht fertig, mir hat es nämlich noch eine Stelle des Buchs angetan, eine bildgewaltige Beschreibung der Armut (wobei ich mich auf einen halben Satz beschränken möchte):

Ich, armer Page, der seine Strümpfe jeden tag stopfen muß, dessen Schuhe, aus Scham darüber, dass sie zerrissen sind, ihre Farbe verlieren und von Schwarz in Weiß wechseln, dessen Hut vor Verlegenheit schwitzt, weil er so viel getragen wird, dessen Mantel und Jacke so abgeschabt sind, als hätten sie das Martyrium der letzten Ölung erduldet, dessen Halskragen und Manschetten so viele Fenster haben, daß sie mir, wären sie Häuser auf dem Marktplatz in Madrid, während eines Stiergefechts viele Dukaten einbrächten; […]“ (S.16)

An dieser Stelle vergaß ich kurz die beschrieben Armut und schlug in den Gedanken einen Bogen von Madrid nach Frankfurt/Main. Kennt ihr die Ostzeile des Römerbergs? Auch hier zahlten die Schaulustigen für einen Platz am Fenster „viele Dukaten“, selbstverständlich nicht bei den Stierkämpfen wie in Madrid, aber zum Beispiel um einen Blick auf den Kaiser und seine Gäste zu werfen. Sind solche Parallelen nicht erstaunlich?

Ostzeile_des_Römerbergs_in_Frankfurt

Die Abenteuer der Tochter der Celestina werden kein glückliches Ende haben. Das Nachwort lässt durchblicken, dass ein Happyend in der damaligen Zeit für nicht ehrbare Gestalten nicht einmal denkbar war. Ich versuche mir diese Zeit vorzustellen, aber das mitteralterliche Spanien ist nicht mein Steckenpferd, umso interessanter sind die kleinen Details im Buch, die in die Beschreibungen eingeflochten wurden. Ein schönes Buch.

Melibokus

Sieht man heute aus den Fenster, mag man kaum glauben was für ein herrliches sonniges Wetter wir am Sonntag hatten, so tief hängen die grauen Regenwolken. Dafür dass die Wanderung am Sonntag schon vor Langem ausgemacht war, hatten wir echt Glück mit dem Wetter.

Es ging mit Freunden in den Odenwald. Klar ist es nicht unsere erste Wanderung dorthin gewesen, aber auf dem Melibokus waren wir bis jetzt nie.

Gestartet in Zwingenberg gingen wir zuerst – laut unserem Wanderführer – „durch das Rebland“, naschten ein paar süße Weintrauben, aber wirklich nur ein paar, und redeten über dies und das.

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Eine andere Sehenswürdigkeit auf unserem Weg war Schloss Auerbach. Für Kinder ist diese Ruine ein Paradies auf Erden. Aber die gewaltigen Burgmauern, die Gänge darin, die Aussicht vom Nordturm aus rufen auch in Erwachsenen ein großes Staunen hervor. Dank stabiler und vertrauenerweckenden Treppen hatte ich keine Höhenangst und konnte zusammen mit den anderen vom Nordturm auf den Melibokus – unser nächstes Ziel – blicken.

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Der Berg links ist der Melibokus. Da wollten wir also hin. Runter vom Burgturm. Bergrunter. Bergauf. Noch eine kurze Pause kurz vor dem Erreichen des Gipfels, weil meine Kräfte aufgebraucht waren. Aber dann waren wir ganz bald oben auf dem Berg, wo hunderte von Marienkäfern die Wanderer belästigten, und gingen auf den Aussichtsturm hinauf. Der Ausblick von der Aussichtsplattform war atemberaubend. Das Schloss Auerbach sahen wir auch wieder (die zwei Türme auf dem Berg links gehören zu ihr).

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Mit dieser schöne Aussicht vor uns haben wir ein Picknick oben auf dem Aussichtsturm gemacht. Den Zuckerkuchen, den es unter anderem auch gab, hat mein Mann selbst gebacken.

Nach dieser längeren Pause in luftiger Höhe, aus der man sogar die Skylines von Frankfurt am Main sieht, begann unser Abstieg vom Berg. Allmählich ging der Tag zur Neige. Als wir die Burg Alsbach erreichten und vor dem Burgtor noch eine Pause machten, ging die Sonne unter. Aber wir waren eben noch nicht zurück in Zwingenberg.

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Den letzten Abschnitt legten wir im Dämmerlicht zurück. So wurde diese tolle Wanderung zu meiner allerersten Nachtwanderung. Klar, ist war noch keine Nacht, aber wenn man unter dem Bäumen den Boden unter sich nicht mehr sieht, zählt es. Als wir zwischen den Bäumen wieder über die Rhein-Main-Ebene blicken konnten, war in den Städten die Straßenbeleuchtung angegangen.

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Dieser Teil des Weges kam meinem Schatz bekannt vor. Und das stimmte, unsere allererste Wanderung in diesem Jahr führte uns hierhin. Kurz bevor die Zivilisation uns wieder hatte, wurden nochmal unsere Knien strapaziert, denn vom ehemaligen Steinbruch führt eine sehr steile Straße in die Stadt hinein. In der Stadt, auf dem Weg zum Bahnhof, sind wir unter einem haushohen Feigenbaum durchgegangen, wo sie es doch bei uns nicht so warm haben.

Ach, war das eine wundervolle Wanderung! Die beste überhaupt. Weinberge und zwei Burgen. Der höchste Berg, den ich je bestieg. Eine unverhoffte Nachtwanderung. Und eine echte vom Baum gepflückte Mandel als Mitbringsel.

Das fürstliche Gartenfest Schloss Wolfsgarten

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Zwei Mal im Jahr werden die Tore von Schloss Wolfsgarten für Besucher geöffnet. Und bis letzten Sonntag zählten wir nie zu diesen. Wie das? Wissen wir auch nicht so genau. Aber wichtig ist doch, dass es diesmal geklappt hat.

Den ganzen Weg zum Schloss Wolfsgarten drehten sich meine Gedanken um unseren Garten, seine Umgestaltung, neue Beete und Co. Mein Schatz redete von dem, was ihn gerade bewegte. Und ich musste zugeben, dass diesmal ich diejenige war, die nicht zuhörte. Als wir die ersten Staudenaussteller um uns hatten, stand es noch schlimmer um mich… WILL ICH HABEN!!! AAAAAALLES!!! ging mir da nur durch den Kopf.

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Wohin das Auge blickte, gab es was des Gärtners Herz begehrt, Stauden, Gräser, Kräuter, Sträucher, aber auch Gartendekoration und -möbel, Rasenmäher und Wasserspiele, Töpfe und Klettergerüste, Blumensamen und sogar Klamotten.

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Man konnte hier Neues lernen, Ideen sammeln und Leckeres naschen. Unter den Gleichgesinnten haben wir im Schloßpark einen wunderbaren Nachmittag verbracht und gingen nicht mit leeren Händen nach Hause.

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Berlin: Blumeninsel

In diesem Jahr ist es wie verhext. Egal was ich tue, die Arbeit wird nicht weniger. Es ist sogar umgekehrt. Je mehr ich tue, desto mehr gibt es zu tun. Aber am vergangenen Wochenende haben wir uns eine Pause gegönnt und haben einen Städtetrip in die Hauptstadt gemacht. Im Februar haben wir nämlich zwei Sachen festgestellt. Erstens: so ein Faulenzurlaub ist zwar schön und gut, aber nichts für uns. Zweitens: wir waren bereits in London, Stockholm und Riga, aber noch nicht zusammen in Berlin. Und wir haben Lust bekommen, das zu ändern.

Damit wir uns nicht übernehmen und anschließend an diesen Kurzurlaub einen kurzen Urlaub brauchen, haben wir uns nur wenige konkrete Ziele gesetzt, der Rest würde sich von selbst ergeben. Unsere Wunschsehenswürdigkeiten waren: der Reichstag und der Fernsehturm, das Brandenburger Tor und das Ischtartor im Pergamonmuseum, die Nofretetebüste im Neuen Museum und das Science Museum. Mainstream? Vielleicht…

Aber diese Kalksteinblume auf einem Gesimsstein aus Chirbat al-Minya im Pergamonmuseum hat mich auf eine Idee gebracht.

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Wäre ich ein Botaniker, wäre ich eventuell anderer Meinung, aber so sehe ich hier eine wunderschöne, ungefüllte Hibiskusblüte. Meine Phantasie gaukelt mir vor, ihre Farbe sei ein zartes Apricot.

Ich mache einen Fotoblumenstrauß aus Berlins Blumen.

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Diese Gänseblümchen zieren das Ischtartor im Pergamonmuseum auf der Museumsinsel. Ich könnte stundenlang dieses Tor bestaunen und würde mich nicht satt sehen.

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Sehe nur ich die blassblaue Clematis auf diesem Fresko aus dem Fragmentarium des Neuen Museums?

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Vor dem Berliner Dom habe ich mich von dieser Aussicht inspirieren lassen. Ratet mal, wer seit Dienstag auch Schmucklilien im Garten hat!

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Das Hauptportal des Roten Rathauses ist von Kornblumen umrandet. Vielleicht sind sie nicht preußisch blau, aber doch ein Stückchen Berlins Geschichte und wunderschön.

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In der Behrenstraße Ecke Markgrafenstraße, nicht weit vom Gendarmenmarkt, schmücken solche Sonnenblumen die Fenster des Hauses des Verbands der Automobilindustrie e.V.

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Und diese Sonnenblume hat jemand zum Jubiläumsfest des Berliner Hauptbahnhofs mitgebracht.

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Im Spurengarten des Spreebogenparks erfreuen prächtige Blumenbeete das Auge. Mir hat dieser weißer Kugel-Lauch im Licht der Abendsonne besonders gut gefallen.

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Die ungemähte Wiese neben dem Kanzleramt war auch schön. Grasnelke, Lein, Rainkohl, Vogelwicke und Co. schienen sich hier total wohl zu fühlen.

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Und dem Zaun entlang blühten Glöckchen.

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 Vom trüben Wetter ließ sich der Holunder im Tiergarten nicht stören, ebenso wie die Wettläufer des diesjährigen Firmenlaufs.

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Im Deutschen Technikmuseum sind wir auf einen Raum gestoßen, wo Stanz- und Prägewerkzeuge zum Herstellen von Seidenblumen ausgestellt werden…

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… die zarten Seidenblümen sind unter Glas vor allzu begeisterten Fans in Sicherheit…

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…denn einige von ihnen sind ältere Semester so wie diese künstliche Sträußchen aus Sebnitz aus dem Jahr 1930.

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Und hier haben wir ein Blumenbild aus Filz, es gehört zur Textilausstellung im Deutschen Technikmuseum.

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Wer aber denkt, wir hatten die Augen nur für die „Kultur“-Pflanzen von Berlin offen, irrt sich. Auch diese kleine Gemüsegänsedistel an einer Baustelle neben der Schloßbrücke ist unserer Aufmerksamkeit nicht entgangen.

Wie man sieht, hat sich uns Berlin als eine Blumeninsel gezeigt, wo für jeden Geschmack etwas dabei ist. Und auch wenn uns nach drei Tagen die Füße total weh taten, kamen wir zufrieden und gut gelaunt nach Hause.

Wien (3): Schönbrunn

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Am dritten Tag hätten wir uns am liebsten zweigeteilt, wir wollten gern ins Schloß Schönbrunn und genau so gern ins Technische Museum. Klar hätten wir auch beide besuchen können, aber das hätte eher etwas vom Vorspulen eines Films als von einer entspannten Städtereise. Es ist wohl nicht schwer zu erkennen, wofür wir uns entschieden haben.

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Hier residierten einmal die Habsburger, jetzt gehört das Schloß zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wie im Stephansdom kann man hier Führungen mit Audio-Guide machen. Man läuft in seinem eigenen Tempo vom Raum zum Raum, wird ab und zu von einem menschlichen Guide samt Gefolge (diesmal gehörten wir nicht dazu) überholt, staunt über die Pracht aber auch über das handwerkliche Können der Menschen, die diese Pracht geschaffen haben. Der Gedanke „Wie kriege ich das alles möglichst lebensecht auf ein Foto drauf?“ lenkt einen hier nicht ab, denn das Fotografieren ist in den Räumen nicht erlaubt.

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Auf einer Anhöhe im Schloßpark befindet sich diese Gloriette. Maria Theresia soll hier gerne gefrühstückt haben. Aber bei Wind und Wetter sind wir nicht elegant zufuß hinspaziert, sonder gemütlich mit einem Miniaturzug der Panoramabahn gefahren. Von der Anhöhe hat man eine schöne Aussicht auf das Schloß und den Park, aber wetterbedingt sind uns keine schöne Fotos dieser Aussicht gelungen.

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Der Schloßpark selbst ist öffentlich zugänglich und lädt zu langen Spaziergängen ein.

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Hier haben wir das Phänomen abgelichtet, von dem wir schon gelesen haben: Die Laterne trickst die Jahreszeit aus…

Nach dem Ausflug ins Schloß Schönbrunn schauten wir noch für ein Stündchen in ein anderes Museum rein und schlenderten durch das abendliche Wien.

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Die Wiener Konditorei Demel verzaubert noch vor dem Eintreten mit außergewöhnlichen Schaufensterdekorationen. Auch der Mini-Kongress, den ich schon gezeigt hatte, war aus Marzipan und am Kohlmarkt 14 fotografiert. Die ehemalige k.u.k. Hofzuckerbäckerei bietet süße Sünden in Hülle und Fülle.

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